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Mittelalterliches I - Dürer und die aufständischen Bauern

Albrecht Dürer - Der Marktbauer und sein Weib - 1519



Albrecht Dürer, Der Marktbauer und sein Weib, Druckgraphik eines Kupferstichs, 115 x 73 cm, 1519, Albertina Wien. 

Entstaubung ist bei Albrecht Dürer wohl nicht nötig. Er ist einer der wenigen deutschen Künstler, der weltweit sehr berühmt geworden ist. Sein Leben und Werk ist auch deshalb so wichtig und bedeutend, weil er sich an der Schwelle zwischen mittelalterlicher Kunst und Kunst im Sinne der Renaissance in Deutschland bewegte. Dürers italienische Kollegen schufen schon im 14. und 15. Jahrhundert Werke, die man heutzutage als Kunst der Frührenaissance bezeichnet. Zu nennen sind da Donatello oder Fillipo Brunelleschi, der die Kuppel des Doms in Florenz schuf. 
Deutschland war renaissance-technisch gesehen ein Nachzügler. Albrecht Dürer aber war ein Vorreiter, eine innovative und extrovertierte Persönlichkeit aus Nürnberg. Er nahm sich als Künstler wahr. Eine Tatsache, die im Mittelalter ungewöhnlich und selten war - die Schöpfer von Kunst sahen sich lang als Handwerker.

Nun aber zum Kupferstich "Der Marktbauer und sein Weib" von 1519, womit es eher zum späten Werk Dürers gezählt werden kann und unbedingt entstaubt gehört.
Betrachte noch einmal den Stich! Was fällt Dir auf? 


Albrecht Dürer, Der Marktbauer und sein Weib, Druckgraphik eines Kupferstichs, 115 x 73 cm, 1519, Albertina Wien.

Beispielsweise das verhärmte, verlebte Gesicht der Bäuerin? Die groben Stiefel des Bauern und seine tölpelhafte Miene?
Oder sind es die Details? Der aufwendige Messerschaft im Gürtel des Bauern, der genau in der Bildmitte platziert ist, zum Beispiel. Oder die Reisigzweige der Bäuerin, die ausschauen wie Pfeile in einem Köcher. 
All das sind wichtige Beobachtungen, denn sie sprechen alle zu uns, den Betrachter/innen. So lassen die (vermeintlichen) Waffen auf eine Zurschaustellung der Wehrhaftigkeit der Bauern schließen.
Wichtig im Kontext der Motivgeschichte von Bauern ist aber vor allem die Präsenz der beiden im Bildraum. Sie sind nicht Teil einer Szene, sie werden auch nicht lächerlich gemacht oder als unzivilisierte Menschen dargestellt, so wie in unendlich vielen anderen Bauernabbildungen aus der Zeit. Im Gegenteil: Sie schaut listig, er scheint mit harten Bandagen zu verhandeln, beide tragen andeutungsweise Waffen und füllen sehr selbstbewusst den Bildraum.

Besonders delikat wird die ganze Sache, wenn man sich bewusst macht, dass Bauern sich, zur Entstehungszeit eben dieses Stiches, immer mehr zusammenrotteten, immer aggressiver gegen die Obrigkeit wurden und, dass nur fünf Jahre später, im Jahr 1524, die berühmten und blutigen Bauernkriege begannen. 
So kann man den Stich Dürers als eine Botschaft der Solidarisierung mit den aufrührerischen Bauern sehen. Auf der anderen Seite können die Zurschaustellung des Messerschaftes und der listige Gesichtsausdruck der Bäuerin auch als Warnung Dürers vor den niederträchtigen, gewalttätigen Bauern interpretiert werden.
Die Einstellung Albrecht Dürers gegenüber den Bauernaufständen ist bis heute nicht geklärt. Er schuf aber mit dem nicht viel beachteten Kupferstich "Der Marktbauer und sein Weib" eine außergewöhnliche und innovative Bauerndarstellung, die viele Künstler daraufhin nachahmten.



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