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Das Dorfmuseum in Tremmen im Havelland - Ein Erfahrungsbericht


Wie angekündigt möchte ich abseits von einzelnen Kunstwerken,  eine weitere, oft unbeachtete oder gar verlachte Sparte von Kunst bzw. Museen hier entstauben und würdigen: Kleine Heimatmuseen. Dabei beschränke ich mich zunächst auf Dorfmuseen in Brandenburg. Davon gibt es unheimlich viele! Die allermeisten dieser Museen werden von ehrenamtlich arbeitenden Menschen organisiert, befüllt und gepflegt.

Wie Herr Lehnhardt. Er leitet das Dorfmuseum in Tremmen (HIER gehts zur Website).  Er sagt dazu, er habe es gut, denn im Gegensatz zu vielen anderen kleinen Museen in Brandenburg werde dieses Museum vom Verein "Förderkreis Dorfmuseum Tremmen e.V." getragen und zusätzlich von der nahgelegenen Kleinstadt Ketzin/Havel finanziell unterstützt.
Doch von vorn: Tremmen liegt circa 50 Autominuten vom Zoologischen Garten, Berlin entfernt. Die Strecke führt entlang der Heerstraße, die sich durch Westend und Spandau schlängelt.  Auch heute ist diese Straße noch unfassbar lang, doch führte sie im 17. Jahrhundert noch viel weiter: Sie verband Magdeburg mit Brandenburg an der Havel. Und führte von der Mark Brandenburg aus auch nach Spandau und nach Berlin.  Sie war im Mittelalter und bis in die Neuzeit hinein eine wichtige Handels- und Verkehrsstraße, eine mini Seidenstraße auf deutschem Boden also. Auf ihrem Weg führte sie auch durch das Dorf Tremmen, was natürlich dort zu Wohlstand führte.

Tremmen liegt hübsch im Grünen, es gibt einen Kindergarten, eine Pension und viele junge Familien. Das Dorfmuseum ist gut ausgeschildert - die Besucherin merkt gleich: Tremmen ist stolz auf sein Dorfmuseum.
Und das zurecht! Herr Lehnhardt, der mich empfing obwohl das Museum eigentlich geschlossen hatte, weiß alles über Tremmen, über die Stellmacherei seines Urgroßvaters im Erdgeschoss, über Heilpflanzen, von denen 50 verschiedene Sorten im Museumsgärtlein wachsen, und über die Mark Brandenburg, vor allem das Havelland. Er und der Förderkreis geben sich Mühe, um ihr Dorfmuseum zu einem aktiven Museum zu machen: Es gibt Konzerte, Feste und Zurschaustellungen des alten und noch immer funktionstüchtigen Stellmacher-Betriebes für Kinder.
Doch was ist denn eigentlich ein Stellmacher? Es handelt sich dabei um einen ausgestorbenen Beruf. In diesen Betrieben wurden hölzerne Wagenräder und Wagen hergestellt, bevor die Räder zum Schmied kamen, der sie beschlug.  Die Werkstatt im Erdgeschoss der Familie Lehnhardt ist noch ganz im Original erhalten. Schon der Urgroßvater und der Großvater des heutigen Museumsleiters arbeiteten hier. Als der Beruf ausstarb, gab die Familie 1955 den Betrieb auf und ließ alles wie es war. Heute natürlich ein Schatz!

Das Museum bietet noch einen kleinen Bereich mit Schmiede-Equipment, um den Weg der Räder ganz deutlich zu machen. Außerdem wurde offensichtlich Arbeit betrieben, um die Geschichte des Dorfes zu erinnern und festzuhalten. Ein Aspekt, der in manchen Dorfmuseen zu kurz kommt. Häufig wohl aus finanzieller und personeller Not heraus.
Im Obergeschoss befindet sich die für Dorfmuseen irgendwie obligatorische Küchen- / Wohnungseinrichtung vergangener Jahrhunderte. Zudem eine (tatsächlich beeindruckende) Modelleisenbahn und ein riesiges Puppenhaus. Beides von einem Paar aus Tremmen gebastelt.
Herr Lehnhardt und die anderen freiwilligen Mitarbeiter/innen sorgen auch für eine jährlich wechselnde Sonderausstellung. Mehr würde sie nicht schaffen, es sei doch wirklich viel Arbeit, sagt der Museumsleiter.

Ein Besuch im Havelland lohnt sich sowieso immer. Eine wunderschöne Natur und menschenleere Abschnitte sind ein Wohl für verkehrs- und massengeplagte Großstädter. Doch auch das Dorfmuseum Tremmen, das gleich an der Hauptstraße des Ortes, der Heerstraße, liegt, verdient einen Besuch. Allein Herrn Lehnhardts leuchtende Augen wenn er von Stellmacherei und seiner Heimat berichtet, sind eine kleine Besichtigung wert. Natürlich lässt sich ein Aufenthalt  hier nicht mit einem Gang in das Bode-Museum oder in die Alte Nationalgalerie in Berlin vergleichen, doch sorgen die Menschen der Dorfmuseen mit ihren kleinen Museen dafür, dass Fremde (ob Touristen von nah und fern oder frisch Zugezogene) etwas über den Ort lernen, den sie durchqueren.

Und Verrücktes gibt es obendrein - Pfauen auf dem Parkplatz:







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